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Geradlinig und überzeugend – Verabschiedung / DirAG Frerker / AG Neuruppin

Es ist so weit. Der Tag, ein Datum, lange verdrängt und doch seit Beginn eines Berufslebens unverrückbar feststehend. Alle Mühe, sich durch Elan, durch ein besonders sportliches Auftreten und jugendliches Aussehen zu tarnen und dem Lauf der Gestirne, dem unerbittlichen Ticken des Sekundenzeigers entgegenzustemmen, ist vergebens. Fehlgeschlagen auch der Versuch, durch intensive Lobbyarbeit noch in der ablaufenden Legislaturperiode die gesetzliche Pensionsgrenze dem Lebensalter eines Mannes namens Methusalem anzugleichen. Nein, auch wenn wir es gerne ändern möchten, der 31.08.2005 war der letzte Arbeitstag von Hans-Jürgen Frerker als Direktor des Amtsgerichts Neuruppin.

Ist es nicht paradox, wenn bei Verabschiedungen, die doch eigentlich dazu da sein sollten, den Weggang zu erleichtern, alles unternommen wird, dem Anlassträger das Herz schwer zu machen und ihn in eine melancholische Stimmung zu versetzen? Einfacher wäre es doch, ihm auf die Schulter zu klopfen und ihm fröhlich zuzurufen: Mensch, so gut möchte ich es auch mal haben; endlich Zeit für alles, was du schon immer mal machen wolltest. Für weniger Feinfühlige stünde auch der Hinweis darauf zur Verfügung, wie sehr sich doch der Nachfolger schon auf sein neues Amt freut. Wenn es also wesentlich einfachere Wege gibt, einen Abschied zu erleichtern, was treibt uns dann, solche Momente mit Wehmut zu erfüllen? Es ist wohl die Furcht, das zu versäumen, was in der Hektik des Alltags allzu häufig unausgesprochen bleibt: die Sorge, einen Kollegen gehen zu lassen, ohne ihn auch mit Worten der Sympathie und Anerkennung zu versichern, die eine jahrelange Zusammenarbeit geprägt hat. Mit Hans-Jürgen Frerker hat ein Mann die Brandenburger Justiz verlassen, dessen Erfolg ganz wesentlich auf Sympathie fußt und dessen berufliche Lebensleistung jede Anerkennung verdient.

Wir werden über seinen Werdegang und seine Verdienste sicherlich noch lange hören. Mir sind in der Kürze der Zeit, die ein solcher Artikel gestattet, zwei Dinge zu erwähnen wichtig, die in all den Jahren hier in Neuruppin prägend für mein Bild von Hans-Jürgen Frerker waren.

Das eine ist etwas, das in Beurteilungen unter der Überschrift „Führungskompetenz“ oft mit besonders mächtigen und raumgreifenden Vokabeln bedacht wird. Lassen Sie es mich für Hans-Jürgen Frerker auf den Kern zurückführen: Er versteht es, mit Menschen umzugehen. Er weiß, Menschen für sich und seine Ziele zu gewinnen. Er findet dabei Zugang durch die Ausstrahlung von Vertrauen. Vertrauen, welches er entgegenbringt, aber auch für sich einfordert. In Bezug auf die Bediensteten bedeutete dies ein festes und unumstößliches Einstehen für alles, was im Amtsgericht Neuruppin vor sich ging. Für Erfolge wie Fehlschläge, für Helden- wie Missetaten, vor allem aber für die Leute, die ihm nach seinem Verständnis anvertraut waren. Dabei zeigte er durchaus Beharrungsvermögen, manchmal auch eine gewisse Dickköpfigkeit - möglicherweise eine südoldenburgische Eigenart.

Die wenigen Versuche, bei denen es für die Dienstaufsicht galt, Missstände aufzuzeigen oder gar Kritik an Mitarbeitern zu üben, beschied er eher beiläufig mit dem Satz: Wir lösen unsere Probleme selbst. Auf meinen Einwand, dies sei ein etwas magerer Bericht an eine vorgesetzte Behörde, erhielt ich dann meist noch einmal zum Mitschreiben die Antwort. Wir lösen unsere Probleme selbst!! Die Worte wurden langsam und nachdrücklich gesprochen. Dabei wurden Brust und Kreuz des Direktors so breit, dass dahinter Henry Maske mit Axel Schulz unerkannt hätte Walzer tanzen können. Damit war das Thema durch, und in diesen Fällen kam dann nach kurzer Zeit die lapidare und wiederum eher beiläufig platzierte Nachricht, das Problem sei inzwischen längst behoben. Das Beispiel verdeutlicht das Selbstverständnis, mit dem Hans-Jürgen Frerker das Amtsgericht Neuruppin annähernd 12 Jahre mit größtem Erfolg geleitet hat. Ein Erfolg, der in erster Linie Produkt seiner Persönlichkeit ist.

Auch der zweite Punkt betrifft das Verständnis von der Aufgabe, die er im Dezember 1993 übernommen hatte. Ich meine die Vertretung einer wichtigen Justizeinrichtung im öffentlichen Leben der Stadt Neuruppin. Neben seiner Tätigkeit als Richter und Behördenleiter hat Herr Frerker dies von Anfang an als große Herausforderung und gesellschaftliche Aufgabe angenommen, die er in beispielgebender Weise ausfüllte.

Dass die Justiz in Neuruppin schon zahlenmäßig eine besondere Bedeutung hat, sollte bekannt sein. Sie dürfte neben den Ruppiner Kliniken der größte Arbeitgeber sein. Ihr Wirken ist Teil des Lebens zahlreicher Familien im Ort und in der Region. Viele hundert Mitarbeiter aller Dienstbereiche gehören dazu wie auch Beschäftigte aller Art in den Anwaltskanzleien, die ihre Residenzentscheidung eng mit dem Sitz der Gerichte und der Staatsanwaltschaft verknüpft haben. Verglichen mit anderen Gerichtsstandorten im Lande ist dies eine ungeheure Präsenz von Justiz in einer kleinen Stadt. Das ist nicht immer unproblematisch. So konnten wir vor einigen Wochen aus berufenem Munde hören, das vermeintlich verbesserungsbedürftige Image der Stadt komme daher, dass sie immer im Zusammenhang mit (man beachte die Reihenfolge) Gerichten, der XY-Bande und Nazischmierereien genannt werde; ein sehr seltsamer, geradezu fataler Dreiklang, wie ich finde. Stellen Sie sich vor, man würde der Neuruppiner Feuerwehr vorhalten, sie verbreite mit dem Martinshorn im Einsatz Angst und Schrecken unter den Bürgern, Gästen oder gar Touristen.

Vorstellungen wie diese haben ihren Ursprung nicht etwa in einer negativen oder gar feindlichen Einstellung gegenüber der dritten Staatsgewalt. Hier geht es vielmehr schlicht um einen Mangel an Bewusstsein über ihren Stellenwert in einem Gemeinwesen. Solches Bewusstsein zu schaffen und zu fördern, Flagge zu zeigen durch Präsenz, Geradlinigkeit und Überzeugungskraft, das ist in meinen Augen die besondere Lebensleistung von Hans-Jürgen Frerker in den Jahren seines Wirkens in Neuruppin. Ungezählt die Gespräche, Veranstaltungen und sonstigen Gelegenheiten, die er wahrnahm, zum Teil selbst herbeiführte, um sein Verständnis von Recht im Allgemeinen oder von seinen zahlreichen Facetten und Bezügen zu verdeutlichen. Glauben Sie mir: Ein Richter, der über Jahrzehnte in Familiensachen tätig war, weist einen Erfahrungsschatz über die Wechselfälle des Lebens auf, der in den unterschiedlichsten Situationen von hohem Erkenntniswert sein kann. Zugegeben, es war nicht immer leicht, nach einem Gespräch in privater Runde meine Frau davon zu überzeugen, dass der eindringlich und engagiert vorgetragene Appell, es doch noch einmal miteinander zu versuchen und nicht einfach die Brocken hinzuschmeißen, nicht wirklich uns gelten sollte, wenn Herr Frerker einmal mehr seiner Überzeugung Ausdruck verliehen hatte, die Leute liefen heutzutage viel zu schnell zum Scheidungsrichter. Auch zu vielen anderen die Justiz betreffenden Themen hat sich Herr Frerker zu Wort gemeldet und in fundierter, stets klar verständlicher Weise Sachfragen beantwortet, Zusammenhänge aufgezeigt und Hintergründe beleuchtet. Fragen der Jugendkriminalität gehörten ebenso dazu wie die Auswirkungen elektronischen Fortschritts in der Justiz auf die wirtschaftliche Entwicklung im Lande. Ich erinnere nur an die Veranstaltung zur Einführung des Systems AUREG, der Vorstufe zum elektronischen Handelsregister, im Sommer dieses Jahres.

Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, wie sehr das Wohl dieser Stadt und dieser Region Hans-Jürgen Frerker am Herzen liegt. So wundert es nicht, dass er weit über die Repräsentationsaufgaben eines Amtsgerichtsdirektors hinaus sich auch im sozialen und kulturellen Bereich engagierte. Viele Veranstaltungen und Projekte des Rotary-Clubs, dessen Präsident er bis vor kurzem war, zeugen davon. Ich empfehle jedenfalls den auswärtigen Gästen einen Spaziergang über den vor einigen Wochen geschaffenen Kulturpfad. Sie werden sehen, was privates kulturelles Engagement zu erreichen vermag. Auch hieran hatte Herr Frerker maßgeblichen Anteil.

Wenn ich Ihnen jetzt einen Ausschnitt meines Bildes von ihm geschildert habe, so darf eines nicht fehlen. Das ist die gewisse Leichtigkeit in seinem Auftreten; ein Mann ohne Hang zur Selbstdarstellung, unprätentiös, frisch und authentisch; jemand, mit dem man gern zusammen ist; auch ein guter, für mich leider oft zu guter Doppelkopfspieler.

Was bleibt am Schluss: Ein Bild nach einem frischen Eindruck. Es soll nicht verblassen, die Zeichen stehen gut, dass es immer wieder aufgefrischt wird. Dass Hans-Jürgen Frerker dabei die Farbe niemals ausgeht, das wünschen wir ihm, seiner Familie und uns von ganzem Herzen.

Ich darf mit dem Satz schließen, mit dem er seit Jahren unsere Telefonate beendet:

Ich danke für das Gespräch, es hat mir wieder einmal viel gegeben.

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Datum:
01.12.2005
Autor:
PräsLG Egbert Simons

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